Olympische Hooligans
Das Aufgebot war immens: 80‘000 Polizisten, die der Brutalität
der verfeindeten Zuschauer bei der Fussball-EM 2000 in Holland und
Belgien Einhalt gebieten sollten. Käfige für Fans, die
im Stadion allzu enthusiastisch ihre Stars anfeuerten, Videoüberwachung,
Ein- und Ausreiseverbote von einschlägig bekannten Vandalen.
All dies gehört seit den 1980er-Jahren zum Alltag sportlicher
Grossveranstaltungen. Doch ist Gewalt bei sportlichen Auseinandersetzungen
auf Zuschauerrängen als Phänomen der modernen Informations-
und Industriegesellschaft zu sehen? Verwandelte erst das 20.Jahrhundert
den Massensport in ein Ventil für aufgestaute Frustrationen
gesellschaftlicher Randgruppen?
Keineswegs – Ausschreitungen sind so alt wie der Sport selbst.
Bereits im antiken Athen und im alten Rom gebärdeten sich die
Zuschauer angesichts der kämpfenden Gladiatoren, Diskus werfenden
Athleten und flitzenden Wagenrennen wie moderne Hooligans. Sie sind
auch keine irische Erfindung, obwohl die Bezeichnung auf Michael
Hooligan – als Krimineller 1898 in London erhängt – zurückgeht.
Gröhlende Gewaltbereitschaft braucht das Tarnnetz und die Anonymität
der Masse, um sich zur kollektiven Hysterie aufzuschaukeln – dies
hat Elias Canetti in seinem grundlegenden Werk “Masse und Macht“ eindrücklich
nachgewiesen.
Geradezu kosmodämonisch massig waren schon die antiken Dimensionen:
der römische Circus Maximus verfügte über 200‘000
Sitzplätze, und die Stadien von Olympia und Nemea boten Platz
für 50‘000 Zuschauer. Dass diese Ränge auch problemlos
gefüllt werden konnten, darüber geben die Dichter Auskunft.
Dabei soll das Publikum nicht nur dem Anblick sportlicher Leistungen
gefrönt haben. Denn je brutaler und spektakulärer der Wettkampf
verlief, desto grösser die Sensationsgier.. So berichtet Homer
davon, wie sich die Zuschauer angesichts des blutigen Boxkampfes
zwischen Odysseus und Iros “vor Lachen bogen”. Vorher
hatten sie sich per Eid verpflichten müssen, selbst nicht in
das Geschehen einzugreifen. Oder man liest von römischen Theaterbesuchern,
die spontan eine Aufführung verliessen, um sich an einem blutrünstigen
Gladiatorenkampf zu erfreuen und ihre Favoriten mit Zurufen wie “töte!
- peitsche!
- brenne!” anzufeuern. Und im Amphitheater von Pompeji sollen
sich die Fans – passend zu den jeweiligen Vereinsfarben – grün
und blau geprügelt haben. Diese antiken Berichte evozieren Bilder
der Strassenschlachten und blinden Vandalenakte der Fussball-WM 1998,
als deutsche Hooligans einen Polizisten ins Koma prügelten.
Auch wenn wir Männer das nicht gerne hören: Randalierer
sind meist maskulinen Geschlechts. Wenigstens dürfen Frauen
heute die olympischen Wettkämpfe von den Tribünen aus beobachten.
Vor 2000 Jahren drohte ihnen dafür noch die Todesstrafe
John
Wolf Brennan