Jesus Christ‘s Superstar
“Millionen nehmen Abschied“, “Umjubelt wie ein
Popstar“, “Rom erwartet den grössten Ansturm aller
Zeiten“, “Acht Tage Staatstrauer in Brasilien“, “Rom
im Ausnahmezustand“ – an Mega-Schlagzeilen zum Tod des
höchsten Hirten auf Erden herrschte in den letzten Wochen wahrlich
kein Mangel. Noch wirken die vatikanischen Erschütterungen nach.
Seit der Ermordung von John F. Kennedy hat kein Tod eines einzelnen
Menschen (was Karol Wojtyla trotz allem klerikalen
Pomp ja auch war) ein derartiges Echo ausgelöst – globalisierte
Trauerarbeit, kunstvoll orchestriert.
Der omnipräsente Satz “In Windeseile ging die Nachricht
um die Welt“ verwendet eine Metapher, die längst obsolet
geworden ist. Elektronen reisen nicht mit dem Wind, sondern mit Lichtgeschwindigkeit
rund um den Globus. Der Petersplatz als Kulisse, Michelangelos gewaltige
Kuppel als Leichenhalle, Schweizergardisten in Galauniform, kirchliche
und weltliche Würdenträger aus aller Welt – eine
reality show der Superlative. Die Massenmedien überschlugen
sich mit Einschaltsendungen
und Sonderbeilagen. Auch hierzulande wurde das lange Sterben des
Pontifex in allen Details medial begleitet. “Nicht nur in der
ganzen Welt, sondern auch in der Schweiz trauern die Menschen um
den Papst (O-Ton Radio DRS1 am 3.4.05 in den 7-Uhr-Nachrichten) – ein
Satz, den man in seiner ganzen Tragweite erst
begreift, wenn man ihn auf der Zunge zergehen lässt...
Dennoch: viele Tränen waren echt. Weit über die konfessionellen
Grenzen hinaus war Johannes Paul II. zu einem Symbol der Kraft des
Geistes geworden, zu einem gelegentlich auch unbequemen Mahner und
Verkünder der christlichen Botschaft. Als erster “Medienpapst“ der
Geschichte (zu dem ihn ja erst die Medien selbst machten, in perfekt
abgestimmter Synergie) hat er sich auf seinen zahlreichen Reisen
(allein den südamerikanischen Kontinent besuchte er 18 Mal in
26 Jahren) immer wieder energisch für den Frieden und – angesichts
der Militärdiktaturen keineswegs selbstverständlich – für
Menschenrechte und Demokratie eingesetzt. Er wusste dabei vor allem
auch die Jugend zu begeistern. Nach aussen hin war er ein Superstar,
Publikumsmagnet, Bestsellerautor und sogar Chartstürmer – letzteres
mit
eigener CD.
Es war also nur folgerichtig, dass auch sein Sterben – quasi
in Umkehrung des Orwell‘schen Begriffes von “Big Brother
is watching you“ – auf allen Kanälen um die Welt
ging. Statt den Boden zu küssen, blickte uns sein einbalsamiertes
Antlitz, eingerahmt von blutrotem Messgewand und weisser Tiara, zum
Abschied aus dem Jenseits zu, als Fanal für die Vergänglichkeit
alles Lebendigen. Sein Nachfolger wird es nicht leicht haben, diese
Popularität mit den dringend nötigen Reformen – Zölibat,
Priesterweihe für Frauen, Empfängnisverhütung, Oekumene,
um nur die drängendsten Fragen zu nennen – unter eine
Bischofsmütze zu bringen.
John
Wolf Brennan