Publikationen
von 2005


 
Wie die Jungfrau zum Kind

Frankensteins unter uns

In den 50er-Jahren initiierte eine britische Genetikerin die Suche nach Jungfrauen mit Kindern. Kurz darauf wurden Rinderherden propagiert, die nur aus Kühen bestehen. Das war der Höhepunkt des (Alp-)Traums von der Parthenogenese (Jungfernzeugung) auch bei Säugetieren. Er zerschlug sich, obwohl nicht weniger als 19 angebliche Jungfrauen mit Kind sich auf ihren Aufruf hin meldeten.

Wer nun das Ganze als aberwitzige Groteske, als clowneske “Klonerie” abtun wollte, musste sich eines Schlechteren belehren lassen. 1996 wurde das Wunder wahr. Es hiess “Dolly”. Natürlich (insofern man hier von “Wunder“ und “natürlich” sprechen kann) hatte auch die Mutter dieses Schafs sich nicht selbst kopiert. Ein wenig Technik braucht es schon: zum Klonen entnimmt man einer Eizelle den Kern und ersetzt ihn durch den einer Körperzelle. Was heranreift, ist identisch mit dem Tier, von dem die Körperzelle stammt.

Aber es kann ganz anders aussehen. Dolly war fett, und das ist noch eine milde Störung. Die meisten Klone kommen tot zur Welt, und die, welche es bis zur Geburt schaffen, haben viele Krankheiten. “Kein einziger Klon ist normal“, berichtete der Molekularbiologe Rudolf Jaenisch, nachdem er die Genaktivität von Klonmäusen analysiert und viele Fehler gefunden hatte. Das liegt daran, dass Klone eben doch nicht ganz identisch sind mit den Geklonten. Das kommt vom Vorgang des “Prägens”: es gibt nämlich entscheidende Gene, die in Embryonen miteinander konkurrieren, mütterlicherseits gegen väterlicherseits. Soll die Entwicklung gelingen, muss sich das richtige durchsetzen. Dazu muss es aber zunächst einmal da sein. Beim Klon ist je eines nicht da, er hat Gene von nur einer Person.
Umso grösser ist das Mirakel, dass manche Klone doch gelingen. Ob welche von Menschen schon unterwegs oder gar unter uns sind, ist unbekannt. Kommen werden sie, daran wird kein Verbot etwas ändern. Die USA, welche die anderen Nationen so freimütig in “Schurkenstaaten” und andere einteilt, ist diesbezüglich selber der grösste.

Aber auf ein Verbot hat man sich ohnehin nicht einigen können, weil das “reproduktive” Klonen eines ganzen Individuums technisch identisch ist mit dem “therapeutischen” Klonen, bei dem man embryonale Stammzellen gewinnt, aus denen man Transplantate ziehen kann. Und vielleicht eines Tages auch ganze Menschen. Die künftige Reproduktionsbiologie wird viele Kreaturen offerieren: auf dem Weg des “therapeutischen Klonens” ist es – bei Mäusen – gelungen, aus Hautzellen Eizellen herzustellen und Sperma. Dies eröffnet die leicht gespenstische Perspektive, dass zwei Männer ein Kind zeugen. Das kann dann mit dem Nachbarsklon Clown spielen, vielleicht auch mit einem Jungferngezeugten. Man müsste dazu nur alle “geprägten” Gene ausschalten. Weltweit wird in zahlreichen Labors daran gearbeitet, und Mary Shelley‘s “Frankenstein”-Monster lebt vielleicht schon (bald?) mitten unter uns.


John Wolf Brennan

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