Wie die Jungfrau zum Kind
Frankensteins unter uns
In den 50er-Jahren initiierte eine britische Genetikerin die Suche
nach Jungfrauen mit Kindern. Kurz darauf wurden Rinderherden propagiert,
die nur aus Kühen bestehen. Das war der Höhepunkt des (Alp-)Traums
von der Parthenogenese (Jungfernzeugung) auch bei Säugetieren.
Er zerschlug sich, obwohl nicht weniger als 19 angebliche Jungfrauen
mit Kind sich auf ihren Aufruf hin meldeten.
Wer nun das Ganze als aberwitzige Groteske, als clowneske “Klonerie” abtun
wollte, musste sich eines Schlechteren belehren lassen. 1996 wurde
das Wunder wahr. Es hiess “Dolly”. Natürlich (insofern
man hier von “Wunder“ und “natürlich” sprechen
kann) hatte auch die Mutter dieses Schafs sich nicht selbst kopiert.
Ein wenig Technik braucht es schon: zum Klonen entnimmt man einer
Eizelle den Kern und ersetzt ihn durch den einer Körperzelle.
Was heranreift, ist identisch mit dem Tier, von dem die Körperzelle
stammt.
Aber es kann ganz anders aussehen. Dolly war fett, und das ist noch
eine milde Störung. Die meisten Klone kommen tot zur Welt, und
die, welche es bis zur Geburt schaffen, haben viele Krankheiten. “Kein
einziger Klon ist normal“, berichtete der Molekularbiologe
Rudolf Jaenisch, nachdem er die Genaktivität von Klonmäusen
analysiert und viele Fehler gefunden hatte. Das liegt daran, dass
Klone eben doch nicht ganz identisch sind mit den Geklonten. Das
kommt vom Vorgang des “Prägens”: es gibt nämlich
entscheidende Gene, die in Embryonen miteinander konkurrieren, mütterlicherseits
gegen väterlicherseits. Soll die Entwicklung gelingen, muss
sich das richtige durchsetzen. Dazu muss es aber zunächst einmal
da sein. Beim Klon ist je eines nicht da, er hat Gene von nur einer
Person.
Umso grösser ist das Mirakel, dass manche Klone doch gelingen.
Ob welche von Menschen schon unterwegs oder gar unter uns sind, ist
unbekannt. Kommen werden sie, daran wird kein Verbot etwas ändern.
Die USA, welche die anderen Nationen so freimütig in “Schurkenstaaten” und
andere einteilt, ist diesbezüglich selber der grösste.
Aber auf ein Verbot hat man sich ohnehin nicht einigen können,
weil das “reproduktive” Klonen eines ganzen Individuums
technisch identisch ist mit dem “therapeutischen” Klonen,
bei dem man embryonale Stammzellen gewinnt, aus denen man Transplantate
ziehen kann. Und vielleicht eines Tages auch ganze Menschen. Die
künftige Reproduktionsbiologie wird viele Kreaturen offerieren:
auf dem Weg des “therapeutischen Klonens” ist es – bei
Mäusen – gelungen, aus Hautzellen Eizellen herzustellen
und Sperma. Dies eröffnet die leicht gespenstische Perspektive,
dass zwei Männer ein Kind zeugen. Das kann dann mit dem Nachbarsklon
Clown spielen, vielleicht auch mit einem Jungferngezeugten. Man müsste
dazu nur alle “geprägten” Gene ausschalten. Weltweit
wird in zahlreichen Labors daran gearbeitet, und Mary Shelley‘s “Frankenstein”-Monster
lebt vielleicht schon (bald?) mitten unter uns.
John
Wolf Brennan