Publikationen
von 2005


 
Sisyphus als bilaterale Haushaltshilfe

(Vorbemerkung: diesmal sind es die Gedanken einer Hausfrau. Keine Angst, Haus-Männer: das nächste Mal sind wir dran!)

Wochenstart. Der ganz normale Wahnsinn des alltäglichen Wohnunsinns. Nichts besonderes. Nur, dass mir zur Zeit wieder mal die Decke auf den Kopf fällt. Ich versuche, die grauen Gedanken eben gerade in der Alltagsarbeit loszuwerden. Gleichzeitig frage ich mich, ob sich da die Katze nicht in den Schwanz beisst. MANN sagt, das komme eben vor, sei ganz normal, nicht der Rede wert. Und doch rede ich davon. Vielleicht ist das MEINE Art, diese hartnäckigen Schatten loszuwerden. Ich schreibe sie mir einfach von der Seele, zu Mani Matters Leidliedzeilen “Warum syt dir so truurig? Nei, dir wüsset ke Grund. Vilicht, wenn der e Grund hättet wäret der weniger truurig... mänge, wenn ds Läben ihm wehtuet, bsinnt sech derdür wider dra.”rum syt dir so tHeit

Ganze Bibliotheken sind gefüllt worden, unendlich lange Redeflüsse geflossen über die Sinnsuche, die kleinen hartnäckigen Herbstdepressionen in den Niederungen des Alltags, die latente patente Unzufriedenheit jener, die eigentlich keinen Grund dazu haben, weil alles durchaus eurokompatibel innerhalb der NORM liegt: normale Langeweile, normale Frustrationen in der Arbeitswelt, normale Unstimmigkeiten unter Familienmitgliedern, normal neblig-feuchtkaltes Herbstwetter. Die Normalität ist es, die mir auf den Kopf fällt. MANN hat sich ganz gut eingelebt in dieser Welt, und MANN wüsste auch, wie man ihm begegnen muss, dem Normalitätssyndrom: das fängt bei Bewegung in frischer Luft an und hört bei einer Sitzung beim Psychoanalytiker auf. Dazwischen liegen Wellness-Oasen, die Tafel Lieblingsschokolade, eine Shopping-Tour in die Stadt, eine Tasse Kräutertee bei der besten Freundin.

Den Alltag (H)AUSHALTEN: ganz schlicht, weil das Sackgeld nicht reicht, weder für die Wellness-Oase noch für die Shopping-Tour, schon gar nicht für den Psychoanalytiker, weil sich keine anständige Schokolade im Haus finden lässt und auch die Freundin vor lauter Alltagstrott keine Zeit hat für den Kräutertee. Halt – was mir noch bleibt ist der Spaziergang an der frischen Luft. Aber zuerst muss ich den alltäglichen Wäscheberg runterbügeln, sonst ist der morgen noch viel grösser – und die Geschichte fängt wieder von vorne an. “Man muss sich Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen“, meinte Albert Camus, den ich hiermit zum Heiligen der Hausarbeit küre. Gerade angesichts der offensichtlichen Absurdität des Alltagtrotts den Mut nicht verlieren und den Stein immer wieder den bilateralen Berg hinaufrollen, das bringt... selten genug Rosen, nicht immer Komplimente und schon gar keine Wellness-Oase, sondern ganz einfach: kommt STEIN, kommt ZEIT, kommt (Hei-& Haus-)RAT.

John Wolf Brennan

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