Stud enten futter
Wer bei diesem Titel gleich an rauchende Köpfe denkt, die in
stillen Studierstuben über dickleibige Bücher gebeugt an
ausgeklügelten Seminararbeiten über Goethes “Faust“ hirnen
und zum x-ten Mal den Bleistift spitzen oder im Internet nach passenden
Stichwortquellen googlen, etwa zur Frage, ob denn der hintertrieben
schlaue Mephisto im “Prolog im Himmel“ mit dem Zikadengleichnis
nicht doch einen Bogen zur platonischen Höhlenparabel spannt,
oder ob dem vor lauter faustischem Sehnen ohnmächtig werden
zu drohenden Gretchen (“Nachbarin, Euer Fläschchen!“)
das Riechsalz vorenthalten wird, oder wieviel Bier denn in Auerbachs
Keller in Leipzig (“Uns ist ganz kannibalisch wohl, als wie
fünfhundert Säuen”) wirklich schon geflossen war,
bevor der liebeskranke Doktor Faustus sich mit Luzifer auf den teuflischen
Pakt einlässt – wer also vor lauter nie entsorgtem Bildungsschutt
gleich an Metaphern und Ellipsen denkt, liegt falsch: “Es irrt
der Mensch, solang er strebt.”
Das heisst – so falsch auch wieder nicht. Hier gehts nämlich
um das, was der Hirnarbeit (“Zwar weiss ich viel, doch möcht‘ ich
alles wissen“) meist vorausgeht, auch wenn allerlei populäre
Mythen das Gegenteil behaupten (“Ein voller Bauch studiert
nicht gern“): eine pflegeleichte, handliche Marsch-Verpflegung
für unterwegs. Der Klassiker unter den mobilen Appetitzüglern
ist – trotz Konkurrenz von Schokoriegel & Co. – ein
Bestseller und trägt stolz diesen humanistisch geprägten
Titel, während die französische Bezeichnung “Mélange
randonnée” Lust auf die dazugehörigen Wanderabenteuer
weckt. Das italienische “Miscela di frutta secca e noci“ hingegen
lässt für einmal alle romantisch-melodramatische Poesie
vergessen und greift stattdessen auf einen strukturalistisch-spröden
Index zurück.
Wie in wissenschaftlichen Seminararbeiten kommt es aber beim Rezept
in erster Linie auf die “Ingredienti” an – auf
deutsch ernüchternd “Zutaten“genannt. Immerhin stammen
diese aus vier Kontinenten; Asien, Südafrika, Europa und Amerika,
und in einigen klingen süsse Erinnerungen an die letzten Ferien
(Pinienkerne, Mandeln, Cashew- und Pecannüsse) oder die Märchen
aus 1001 Nacht nach. Das kernlose Kernstück der Mischung bilden
jedoch zweifellos die Sultaninen. Sie schlagen via den arabischen
Begriff “Sultán“ (islamischer Herrscher) und den “West-östlichen
Diwan” wieder den Bogen zu Geheimrat und Dichterfürst
Johann Wolfgang von Goethe, der ja auch ein rechter Wandervogel war
(“Das Ewig- Weibliche zieht uns hinan“), oder lösen
gar Assoziationen an Bagdad, die Ölscheichtümer, die Auswirkung
des Oelpreises auf die globalisierte Weltwirtschaft und Samuel Huntingtons “Clash
of Civilisations“ aus. Also doch erstklassige Nahrung fürs
Gehirn – und all das in einer odinären Plastiktüte,
die gerade mal 200 Gramm wiegt. “Das also war des Pudels Kern!
Der Kasus macht mich lachen.”
John
Wolf Brennan