Unsichtbare Groove-Spuren
Die Zeiten, wo man mit zittrigen Fingern den Tonarm in die leicht
rauschende Einlaufrille einer LP senkt und sehnsüchtig den ersten
Ton erwartet, sind – ausser bei flinkfingrigen DJs und edelmütigen
Hi-Fi-Freaks – vorbei. Schallplatten sind auch nicht mehr aus
schwarzem Vinyl gefertigt, sondern aus Polykarbonat mit einer hauchdünn
spiegelnden Aluminiumschicht, und das Abtasten der mikroskopisch
kleinen Rillen in der sterilen Black Box des CD-Players besorgt
ein Laserstrahl. Die physische Spurensuche bleibt – wie die
meisten Arbeitsabläufe in unserer digitalen Welt – den
Blicken entzogen. Was da summt und brummt, uns rasiert, die Zähne
putzt, den Kaffee aufkocht, die Mikrowelle wärmt, die
Storen steuert, die Heizung regelt, den Automotor startet,
GPS- und Handyantennensignale einfängt, Schnappschüsse
speichert, Tabellen kalkuliert, Podcasts downloaded und Emails in
alle Welt verschickt, vollzieht sich hinter geschlossenen Türen.
In der Musik ist die (oder der) Groove (engl. “Furche, Spur,
Rille”) ein in den 1950er-Jahren in den USA entstandener Begriff
für das rhythmische Empfinden und das Timing einzelner oder mehrerer
Instrumente im Zusammenspiel. Dem Ausdruck "to be in the groove" liegt
die uralte Metapher der Ackerfurche zugrunde, in der Menschen hintereinander
im selben archaischen Rhythmus gehen.
"It grooves" bezieht sich auf das Feeling in Musikstilen, die
auf dem Blues basieren: Gospel, Soul, Rhythm & Blues, Funk,
Jazz. Aber auch in der klassischen Musik ist es für die Qualität
einer Interpretation essenziell, dass sich die Töne gegenseitig
so verzahnen, dass sie “in der richtigen Rille” liegen.
Groove entsteht durch die Vorgabe eines klar spürbaren Pulses,
gegen den dann von den Musikern angespielt wird. Aus diesem Spannungsverhältnis
bezieht die Groove ihren besonderen psychomotorischen Reiz. Mathematisch
lässt sie sich nur mangelhaft definieren. Im Swing, im Samba,
im Wiener Walzer, im Rubato- oder "laid back"-Spiel gibt es keine
messbaren Parameter für ihre Qualität. Sie ist genauso
wenig quantifizierbar wie die Seele. Es groovt einfach. Oder eben nicht.
In der passiven Reproduktion folgt der Laserstrahl oder die Nadel
genau der vorgebenen Spur – jedes Abweichen verfälscht die Tonqualität. Aktiv
musizierend hingegen ist man immer gleichzeitig am Gleiten entlang
der Loipe und am Vorspuren für die Partner. Linientreue,
unvorhersehbare Spurwechsel und das blitzschnelle Ausscheren sind sozusagen
drei Saiten der gleichen Medaille. Spurensuche ist immer auch schon
Spurenfund. Musik entrollt sich entlang spiralförmig gebogener
Zeitachsen, und so ist der Igel oft schon am Ziel, wenn der Hase brav
hinter der Groove
her hoppelt.
John
Wolf Brennan