Publikationen
von 2006


 
Unsichtbare Groove-Spuren

Die Zeiten, wo man mit zittrigen Fingern den Tonarm in die leicht rauschende Einlaufrille einer LP senkt und sehnsüchtig den ersten Ton erwartet, sind – ausser bei flinkfingrigen DJs und edelmütigen Hi-Fi-Freaks – vorbei. Schallplatten sind auch nicht mehr aus schwarzem Vinyl gefertigt, sondern aus Polykarbonat mit einer hauchdünn spiegelnden  Aluminiumschicht, und das Abtasten der mikroskopisch kleinen Rillen  in der sterilen Black Box des CD-Players besorgt ein Laserstrahl. Die physische Spurensuche bleibt – wie die meisten Arbeitsabläufe in unserer digitalen Welt – den Blicken entzogen. Was da summt und brummt, uns rasiert, die Zähne putzt, den Kaffee aufkocht,  die Mikrowelle wärmt, die Storen steuert, die Heizung regelt,  den Automotor startet, GPS- und Handyantennensignale einfängt, Schnappschüsse speichert, Tabellen kalkuliert, Podcasts downloaded und Emails in alle Welt verschickt, vollzieht sich hinter geschlossenen Türen.

In der Musik ist die (oder der) Groove (engl. “Furche, Spur, Rille”) ein in den 1950er-Jahren in den USA entstandener Begriff für das rhythmische Empfinden und das Timing einzelner oder mehrerer Instrumente im Zusammenspiel. Dem Ausdruck "to be in the groove" liegt die uralte Metapher der Ackerfurche zugrunde, in der Menschen hintereinander im selben archaischen Rhythmus gehen.   
"It grooves" bezieht sich auf das Feeling in Musikstilen,  die auf dem Blues basieren:  Gospel, Soul, Rhythm & Blues, Funk, Jazz. Aber auch in der klassischen Musik ist es für die Qualität einer Interpretation essenziell, dass sich die Töne gegenseitig so verzahnen, dass sie “in der richtigen Rille” liegen. Groove entsteht durch die Vorgabe eines klar spürbaren Pulses, gegen den dann von den Musikern angespielt wird. Aus diesem Spannungsverhältnis bezieht die Groove ihren besonderen psychomotorischen Reiz. Mathematisch lässt sie sich nur mangelhaft definieren. Im Swing, im Samba, im Wiener Walzer,  im Rubato- oder "laid back"-Spiel gibt es keine messbaren Parameter für ihre  Qualität. Sie ist genauso wenig quantifizierbar wie die Seele. Es groovt einfach. Oder eben nicht.

In der passiven Reproduktion folgt der Laserstrahl oder die Nadel genau der vorgebenen Spur – jedes Abweichen verfälscht die Tonqualität.  Aktiv musizierend hingegen ist man immer gleichzeitig am Gleiten entlang der Loipe und am Vorspuren für die Partner.  Linientreue, unvorhersehbare Spurwechsel und das blitzschnelle Ausscheren sind sozusagen drei Saiten der gleichen Medaille. Spurensuche ist immer auch schon Spurenfund. Musik entrollt sich entlang spiralförmig gebogener Zeitachsen, und so ist der Igel oft schon am Ziel, wenn der Hase brav hinter der Groove
her hoppelt.

John Wolf Brennan

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