Leerende, Lernende und Lehr-Ende – eine pädagogische
Polemik
Alles begann mal so einfach und übersichtlich wie das 1x1 und
das ABC in der 1.Klasse: vorne steht oder sitzt eine Lehrerin oder
ein Lehrer, hinten sitzt die Schülerschar. Man hörte sich
zu. Viel zu simpel für die neun mal klügeren Bildungsreformer
und Anhänger der New Economy: sie haben ihren ganzen terminologischen
Ehrgeiz und die von der Regierung abgesegneten Resourcen in den Image-
und Datentransfer geworfen – von der Autozulieferindustrie
direkt ins Klassenzimmer. Zudem dürfen wir uns an der Rechtschreib-ReReReReform
und an herrlichen Neologismen unserer Standardsprache erfreuen.
Vom Vor- zum Leitbild
Heute dürfen wir uns glücklich “Lehrende”, “Lernende” und ”Studierende“ schimpfen,
das herkömmlich überholte Budget ist zum “Globalbudget” hypertrophiert,
die kommune Unterrichtsvorbereitung zur Qualitätssicherung nach
DIN-Norm diversifiziert, der Steinzeitbegriff “Eltern“ aus
dem letzten Jahrtausend zu Lebensabschnittspartnerschaften
(LAPTOPS), Erziehungsberechtigten oder gar Erziehungsverpflichteten
expandiert. Ehemals lebendige Vorbilder wurden zu gestylt-virtuellen
Leitbildern schablon- und schubladisiert, die Köpfe wurden zu
paritätisch
ausgewogenen, konsequent konsens- und kommissionsfähigen
Killerquoten modifiziert und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner
zensuriert – mit
perfekt therapierten Hemisphären, ohne Kollateralschäden,
just in time, lean
gemanagt. Der primitiven Primarschule der Antike (also vor 1995)
wurde endlich ein PROFIL verpasst, und das dazu notwendige Consulting-,
Konzeptions- und Koordinations-Personal muss ja – einmal eingestellt – auch
munter weiter beschäftigt werden. Nachdem nun zehn Jahre lang
mit grossem Erfolg die (Re-)Form über die Inhalte gestülpt
wurde, geht die Evolution ab 2006 noch einen kühnen Schritt
weiter: In der “Schule mit Zukunft“ darf es um – äh – die
INHALTE gehen.
Vom Profi-L zu Kunf-T
Der kommende Blockunterricht wird auch noch die letzten nostalgisch-altmodischen
Restbestände an individuellen, auf kindliche Bedürfnisse
hin massgeschneiderten Unterricht wegrationalisieren. Das sinnstiftende
Gemeinschaftserlebnis, das nur mit einer Lehrerin (!) oder einem
Lehrer (!) als direkte Bezugsperson in geduldiger Pflege gedeihen kann,
bleibt samt Klassengeist auf der Strecke: Fort-Schritte, wohin man
blickt. Der Stundenplan wird flächendeckend partikulairisiert.
Dafür sind wir als Human Resources endlich Pisa- und Bolognakompatibel
geworden. Nieder mit den Alpen, endlich freie Sicht aufs Mittelmeer,
juhui! Und plötzlich diese Ueber-Sicht! Es lebe das papierlose
Büro! Aber der Schreibtisch bleibt nicht lange frei. Papier ist
geduldig, und hier wird es nicht angezündet, sondern vollgeschrieben,
Seite um Seite.
Pyromantisch-büromanische Partogenese
Infolgedessen wird es am Nachschub von dickleibigen Berichten mit
zahllosen, zahnlosen Statistiken nicht mangeln. Kein Reförmchen der Reform
der Reform, kein Seitenschauplatz, kein Thema ist unbedeutend genug,
um nicht in Hochglanz verpackt und mit Tortendiagrammen verwurstet
zu werden, bis hin zur signifikant höheren Sozialkompetenz von
Luftbefeuchtern – schliesslich ist dies für jedes Amt die
ultimative Daseinsberechtigung, die Legitimierung des Dienst-Leistungslohns,
der (v)erklärende und weiterführende Grund der Existenz.
Aemter zaubern sich gerne – lässig, aber zuverlässig – selber
aus dem Hut, ziehen sich wie weiland der Baron von Münchhausen
permanent am eigenen Schopf aus dem Sumpf, verschaffen sich so die
Arbeit gleich selber und funktionieren wie unsere Computer, indem sie
mit akribischer Ausdauer auf akkurate Art lauter Probleme lösen,
die es ohne sie gar nicht gäbe. Alles ist messbar geworden – Digit-Allah
sei dank!
Ein paar altmodische Bergtäler mit unverbauten Bachbetten werden
uns allerdings möglicherweise fehlen. Schade, dass die Restwassermenge
des träfen Werbeslogan “Alles wird besser – Valser
bleibt gut” bei den 26 föderalistisch verzettelten,
unverzagt individuell zuständigen Erziehungsdepartementen reihenweise
ins Blöterliwasser des New Public Management gefallen zu sein
scheint. Vielleicht sind es ja nicht nur die Schülerinnen und
Schüler,
die in die Lehre gehen müssten, um das verheerende Lehr-Ende
nochmals abzuwenden. Schliesslich sind Köpfe rund, damit das
Denken die Richtung ändern kann. Leer? Gang!
John
Wolf Brennan