Sollbruchstellen
Möglicherweise runzeln Sie – liebe Leserin, lieber Leser – bei
diesem seltsamen Titel leicht die Stirn. Vielleicht fragen Sie sich,
ob denn Ihr Kolumnist noch alle Tassen (mitsamt ihren mehr oder weniger
sichtbaren Bruchstellen) im Schrank oder einfach den Sollbruchstellenanzeiger
studiert hat. Aber der Reihe nach. Vor elf Tagen haben wir uns mit
Sektglasgeklingel und Feuerwerkszischen vom letzten Jahresrest verabschiedet
und die unsichtbare Linie zwischen Nullfünf und Nullsex mit
einem eleganten Ausfallschritt überwunden, diese kalendarische
Sollbruchstelle zwischen den letzten Zügen der Sylvesternacht
und den ersten, stockenden Atemstössen des Januarmorgens. In
der Mechanik sind Sollbruchstellen (Englisch: pressure-relief joints) Bauteile
in einem Gesamtsystem, die bei Überlastung wie eine elektrische
Sicherung zerstört werden und so grösseren Schaden verhindern.
Sollbruchstellen können auch dem Zweck dienen, abgenutzte Bereiche
eines Gebrauchsgegenstandes mit einfachsten Mitteln abtrennen zu
können. Zum Beispiel wird bei einer Abbrechklinge durch das
Abtrennen eines stumpfen Klingenabschnitts ein scharfer freigegeben.
An zahlreichen Stellen sind Sollbruchstellen mit ingeniöser
Berechnung eingebaut: in PKW-Knautschzonen, Kaffeerahmdeckeliknicklaschen,
Fixpencilbleistiftminen, Milchtütenkartonecken, Autobahnvignetten,
Glasampullen, Schokoladetafelrippenreihen und in den Perforationen
von Kalenderblättern, Klorollen, Einzahlungsscheinen und Briefmarkenbögen.
Viele Anbieter tummeln sich auf dem Sollbruchstellenmarkt. Nicht
immer sind ihre Absichten lauter. Die meisten technischen Geräte
sind heutzutage so gebaut, dass sie nach spätestens fünf
Jahren ihren Dienst aufgeben. Wie alt ist zum Beispiel ihr Staubsauger?
Ihr Rasierer? Und ihr Handy? Und die Playstation im Kinderzimmer?
Wie bitte, vom letzten Jahr? Tut mir leid – das ist ja ein
Steinzeitmodell! Ersatzbeschaffung hält die Wirtschaft in Gang.
Auch der globalisierte Stellenmarkt ist voll von Sollbrüchen,
wenn im Zuge der stetigen Umstrukturierung wieder mal eine ganze
Abteilung geschlossen wird. Manchmal wird die Sollbruchstelle aber
auch sehnlichst vermisst (haben Sie schon mal versucht, eine dieser
atomsicher eingeschweissten Blisterverpackungen oder zelophanierten
CDs zu öffnen?), kaschiert (mit elastischem Hosenbund und XXL-Grössen)
oder herzhaft verflucht – wenn der Inhalt des durchnässten
Papiersacks es wieder mal nicht bis zum Einkaufswagen geschafft hat.
Unser Lebenslauf ist voll davon: die ersten Schritte als Baby, die
ersten Schwimmzüge, die ersten Skischwünge, die erste freihändige
Velostrecke, der erste Kuss in der Kinoknutschzone, die erste Reise
weit weg von zuhause, die erste Wohnung, die erste Beziehung, die
erste Trennung, das erste Kind – jedesmal bricht eine Verbindung
an der mehr oder weniger dafür vorgesehenen Stelle und setzt
Bindeenergie frei, um Platz zu schaffen für etwas Neues. Lebensversicherungen
und Pensionskassen basieren ihre Berechnungen auf der statistischen
Wahrscheinlichkeit der finalen Sollbruchstelle. Manche Eidechse,
mancher Autoinsasse verdankt ihr ihr Leben. Höchste Zeit also,
dass wir bruchlos anstossen auf die Ehrenrettung der [...]
John
Wolf Brennan