Wassermalen im Haus am See
Am Morgen erwacht man durch seltsame Geräusche, die sich – kaum
der Traum-Treppe entstiegen – zunächst nicht einordnen
lassen. Erst später entpuppen sie sich als ein subkutan vorhandenes,
aber durch das Dauerdröhnen des Zivilisationslärms schon
fast verlerntes auditives Vokabular: die Sprache des Sees. Wellenschläge
des Wassers, Flügelschläge der Seevögel, Dutzende,
später Hunderte von Enten, Blässhühnern und Haubentauchern.
Ein fast monochromes Bild von Jackson Pollock, dass sich am Horizont
in der Unendlichkeit des Nebels verliert: Schwarze Flecken auf grüngrau
gekräuseltem Grund, in der Mitte ein einsamer weisser Schwan.
Interpunktiert wird diese selbstlautende Stille durch die gluckenden
Seufzermotive der Blässhühner und den rasenden Stillstand
der synkopisch dazu ab- und aufwippenden Haubentaucher. Unwillkürlich
hält man selbst den Atem an, wenn sie scheinbar viel zu lange
unten bleiben, um dann unversehens an einer ganz anderen Stelle wieder
aufzutauchen. Ein kurzweiliges Ratespiel, bei dem man fast nur verlieren
kann. Dafür kann man die Kreise zu zählen versuchen, die
sich von jedem untergetauchten Kopf ausbreiten, zunächst in
exakt geometrisch konzentrischen Ringen, dann zunehmend chaotisch,
in komplexen Wellenformen aufgehend – strange attractors der
horizontalen Art, Licht als Welle und Partikel zugleich.
Neue schwarze Flecken fallen vom Firmament und hinterlassen sekundenlang
eine trapezförmige Gischtschleppe auf ihrer Landebahn. Ihre
perfekten Flugformationen lassen jeden Kunstflugpiloten vor Neid
erblassen. Inzwischen hat sich das Pollockbild schon tausendmal permutiert,
variiert, expandiert. Nur der weisse Schwan thront immer noch in
der Mitte und zeigt dem Himmel sein Hinterteil.
Im weitläufigen Park der Villa Krämerstein steht, direkt
am Ufer des Vierwaldstättersees, ein charmanter Riegelbau aus
dem 18. Jahrhundert. Einst landwirtschaftliches Nebengebäude
und Gesindewohnung, dient es heute als Künstlerhaus. Die Gemeinde
Horw, der die Liegenschaft Krämerstein seit gut 20 Jahren gehört,
liess das Haus 1990 sorgfältig restaurieren und übergab
es einer Stiftung. An der Schnittstelle von fest und fliessend kann
einem wirklich und wirksam das oberflächliche Hören und
Sehen vergehen. Konzentrische KonZENtration. Wellentäler, Wellenberge – eine
temporale Topographie ephemerer Liquidität. Das Flüssige
und das Überflüssige, Werden und Vergehen, das Sein und
das Nichts: hier lässt es sich hervorragend träumen. Auch
ein See lässt sich lesen. Sein Sein weht eine eigene Sehweise
herbei, und lässt einem vom Fern- zum Nahseher, vom Nahlauscher
zum Fernhörer werden. Seeseele. Mutterseele. Nah. All. Ein.
(Kontakt: www.haus-am-see-kraemerstein.ch)
John
Wolf Brennan