John Wolf Brennan:  Nevergreens.   Pago Libre:  Cinématique 2.0.  Leo Records 865/863.  Je 1 CD. ★★★★★ (5 Sterne)

John Wolf Brennan: Nevergreens.
Pago Libre: Cinématique 2.0.
Leo Records 865/863.
Je 1 CD. ★★★★★ (5 Sterne)

«Ein Fest der Ideen und geschichteten Klangfarben!»

Gleich mit zwei Tonträgern erfreut uns der Pianist und Komponist John Wolf Brennan. Der Spross einer schweizerisch-irischen Musikerfamilie, der in Dublin geboren wurde und seit vielen Jahren in Weggis wohnt, hat sich als Solist ebenso einen Namen gemacht wie als Mitglied der Formationen Pago Libre, Pilgrims und Triangulation. Als Wanderer zwischen Jazz, Weltmusik und moderner Klassik hat er Bühnenwerke, Kammermusik und Chorlieder komponiert. Auf der CD «Nevergreens» versammelt er zwanzig Klavierstücke aus dreissig Jahren. Das Album bietet einen idealen Einstieg ins Gebirgsmassiv John Wolf Brennan; das Spektrum reicht von musikalischen Reisenotizen über Variationen auf Mani Matters «Us emene lääre Gygechaschte» bis zu einer produktiven Auseinandersetzung mit Steve Reich.

«Cinématique 2.0» stellt Brennan im Rahmen seiner berühmten multinationalen Band Pago Libre vor, zu der neben ihm der Bläser und Multiinstrumentalist Arkady Shilkloper (Horn, Flügelhorn, Alphorn, Alperidoo), der Geiger Tscho Theissing und die Bassisten Daniele Patumi und Georg Breinschmid gehören. Die Wiederveröffentlichung der legendären Aufnahmen aus dem Jahr 2000 wird ergänzt durch drei Bonus-Tracks, die 2004 beim Feldkirch Festival im Vorarlberg mitgeschnitten wurden. Ein Fest der Ideen und geschichteten Klangfarben!  

NZZ am Sonntag | Kultur Tipps | Jazz | Manfred Papst | 01.09.2019


Szene aus «Fluctus» mit Marco Käppeli (Schlagzeug), John Voirol (Saxophon), Franziska Senn, Reto Baumgartner und Lilian Naef.  Bild: Romano Cuonz (Stans, 19. April 2019)

Szene aus «Fluctus» mit Marco Käppeli (Schlagzeug), John Voirol (Saxophon), Franziska Senn, Reto Baumgartner und Lilian Naef.
Bild: Romano Cuonz (Stans, 19. April 2019)

Premiere des Musiktheaters «Fluctus»:
Der ewig tickenden Uhr auf der Spur

«Fluctus» titeln John Wolf Brennan, Ueli Blum und Susanne Hofer ein eigenwilliges Musiktheater mit bewegten Bildern. Immerfort «im Herzschlag der Zeit» faszinieren und erschrecken sie ihr Publikum bei der Premiere in Stans.

«Die Zeit kommt, sie geht, sie läuft, sie steht, sie rennt davon und schon ist sie rum», rezitiert Schauspieler Reto Baumgartner im schummrigen Licht der Stanser «Chäslagerbühne». Dann schaltet er eine Pause ein, und binnen Sekunden ist das Publikum unangenehm berührt. Worauf der Akteur lakonisch feststellt: «Und manchmal kommt die Zeit einem viel länger vor, als sie wirklich dauert!»

Eine kurze Szene! Doch sie bringt den nachgerade philosophischen Gedanken hinter dem Spektakel «Fluctus» zum Ausdruck. John Wolf Brennan (Musik/ Piano), Ueli Blum (Text /Regie) und Susanne Hofer (Video und Bühnenbild) hatten die Idee zu diesem interdisziplinären Stück. Realisiert wurde es dann von einem achtköpfigen Team verschiedener Kulturschaffender im Rahmen des Innerschweizer Kulturprojekts «Die andere Zeit» der Albert Koechlin Stiftung.

Urknall durch sprechende Bombe
Das Stück beginnt in bedrohlichem Dunkel und gähnender Leere. Zeit verrinnt nur im Sekundenrhythmus des Schlagzeugs. Im Zentrum eine gefährliche Bombe. Unaufhaltsam tickend. Später argumentiert sie mit der prägnanten Stimme der Schauspielerin Lilian Naef. Beharrt dabei trotzig auf die Detonation, für die sie nun einmal programmiert ist. Durch niemanden und nichts lässt sich die Bombe jetzt mehr aufhalten.

Und so setzten denn John Wolf Brennan am Piano, John Voirol mit dem Saxophon und Marco Käppeli am Schlagzeug den Urknall in wunderschön dissonanter Musik in Szene. Es werde Licht! – und panta rhei (alles beginnt zu fliessen) im einen Augenblick. Und am siebten Tag richtet sich dann an Adam die unvermeidliche Frage: «Was hast du da Komisches am Gelenk?» Die ewig tickende Armbanduhr ist’s. Und auf ihrer Spur, in ihrem monotonen Rhythmus und unaufhaltsamen Takt durchlaufen wir während einer gefühlten Stunde ganze Welten. Ganze Leben. Musik, Projektionen, Texte und Lieder wechseln sich ab. Alles geht nebeneinander her, verknüpft sich, ergänzt sich, schafft auch einmal Illusionen um sie dann gleich wieder zu zerstören.

Vergeht die Zeit oder der Mensch?
Im Musiktheater «Fluctus» wird das Phänomen «Zeit» Mal für Mal anders und aus immer wieder ganz neuen Blickwinkeln betrachtet. Spielerinnen und Spieler schauen aus ihrer Bühnengegenwart zurück in die Vergangenheit. Oder voraus in die Zukunft. Und, indem sie auch mal die Zeit totschlagen, fragen sie sich, was wohl passieren würde, wenn sie die Zeit zurückdrehten und das Ende an den Anfang setzten.

Dabei reiht der bekannte Theatermann und Regisseur Ueli Blum Szene an Szene. Köstlich und amüsant sind sie. Nur dann und wann – angesichts der oft für sich sprechenden Musik und Bilder – beinahe ein bisschen zu beredt. Witzig die facettenreich variierte musikalische Antwort, wenn Gott das Ticken nicht mehr hören mag: D Zyt isch da, d Zyt isch da! Imposant die Entdeckung magischer Kräfte der Eigernordwand. Geradezu virtuos banal die Diskussion über den Städtebummel in Amerika. Untermalt vom Piano, Ton um Ton.

Am meisten Schmunzeln löst beim Publikum jene Szene aus, in der sich ein Fotograf minutiös auf den Augenblick vorbereitet, in dem der Vollmond im Martinsloch erscheint. Zu seinem grossen Ärger aber verpasst er ihn dann doch im letzten Moment, weil die Batterie sich entlädt. Seine Frau (Franziska Senn hier in der Rolle als sanft agierendes Gegenüber ganz trefflich) stellt fest, dass ja der Mond im Martinsloch wieder erscheine. Und: dass dann das Kind in ihrem Mutterleib auch schon 19 sei!

Musik und Bilder spielen mit
Ja, jede Szene gipfelt, irgendwie und irgendwo, in der rhetorischen Frage, ob denn nun eigentlich die Zeit oder eben doch eher der Mensch vergehe. Zuhörerinne und Zuhörer haben Weile darüber nachzudenken, während auf der Bühne das Evergreen «Blue Moon» ertönt. Von wem den nun schon wieder: Von Elvis Presley oder doch von Billie Holiday?

Der irisch-innerschweizerische Komponist und Pianist John Wolf Brennan beweist mit brillanten Kompositionen zu diesem Stück einmal mehr, dass er zurecht weit über die Landesgrenzen hinaus Beachtung verdient. Es sind neue, kreative, bald gewollt liebliche, bald beinahe boshaft quälende Melodien und Einzeltöne. Immer mitspielend. Miterzählend. Eine ganze Reihe von Kunstwerken, Szene um Szene, Bild nach Bild, steuert zu dieser Produktion die Videokünstlerin Susanne Hofer bei. Ob sie die Zeit mit Fahrzeugen auf einem amerikanischen High Way vorbei rollen oder bei einer Kanufahrt durch die Nebenflüsse des Amazonas vorüber fliessen lässt: Immer ist ihr Beitrag zur Synästhesie dieses Musiktheaterabends voll von Poesie.

Luzerner Zeitung | Romano Cuonz | 20.04.2019