Brummbär über Handy? Kapiert! 

Wenn immer möglich, frequentiert Brummbär den öffentlichen Verkehr – so oft, dass die Passagiere und Passanten ihn längst keines Blickes mehr würdigen. Offenbar fügt er sich unauffällig in die Pendlerschar ein. Als Teil der anonymen Masse sozusagen mit Tarnkappe bewehrt, benutzt er Umsteigepausen jeweils für kleine Beobachtungen am Rande. Manchmal reichts auch für einen Espresso in der Gleisbar. Leicht bestürzt musste er kürzlich feststellen, dass er von den Mitreisenden noch aus einem ganz anderen Grund ignoriert wird – oder, wie die Wiener maliziös zu sagen pflegen – nicht einmal ignoriert: im ganzen Zugsabteil war er das einzig verbliebene unverstöpselte Lebewesen, als leicht nostalgischer Zeuge einer Zeit, wo das Telefon tatsächlich noch dazu diente, ein wichtiges und persönliches Gespräch zu führen, und noch nicht Fotosammlung, Fahrplan, Diskothek, GPS, E-Book, Navigationsgerät, Blockbusterkino, Vibrationsalarm, Podcastarchiv und Meteostation in einem simplen Gerät vereinigte, touchscreen-gesteuert und im Hosensack verstaubar. Brummbär lernt jetzt die Gebärdensprache, um sich mit den staubdummen Stöpseltaubstummen doch noch irgendwie verständigen zu können. Eigentlich sollten sie einen IV-Badge tragen: auditiv amputiert, aural be-hindert.

Wart schnell – Warten? Das war mal. Keiner kommt heute noch auf die antike Idee, einfach nur zu warten oder gar geduldig zu er-warten. Ganz abgesehen davon, dass die SBB die Wartsäle fast überall abgebaut bzw. durch zugige und weitestgehend charmfreie Glascontainer mit kalten Drahtgitterbänken ersetzt hat, welche die Wohnlichkeit einer transparenten Leichenhalle verströmen, wurde das WARTEN  als Tätigkeit schlicht abgeschafft. Warten als innere Einkehr, als meditative Versenkung, als Musse, die kleinen Dinge am Strassenrand oder Perronende zu bestaunen? Schnee von gestern! Heute wird nicht mehr gestaunt, gewartet oder gar abgewartet, sondern instant instagrammatisch gesimst und gegengesimst, gelesen und gelöscht, gefacebooked und getwittert. Vermutungen sind zur Zumutung geworden: heute wird nicht mehr gerätselt, sondern gegoogelt, und flugs ist das Geheimnis liquidiert, das Rätsel gelöst, die Vermutung desavouiert. Es werden keine Geleise mehr gelegt und Weichen gestellt, sondern es wird aufgegleist und ausgewichen, entsorgt statt besorgt.

Ge-leise? Ein SBB-SMS macht wenigstens keinen Lärm und wahrt doch noch die Illusion eines Hauchs von Diskretion. Wehe wenn die Ge-Leise zu Geh-Lauten anwachsen... Die lautstarke Variante der omnipräsenten Vernetztheit mit dem Rest der Welt ist da schon enervierender: “Hallo Schatz – jetz bin i grad z’Merlischache ygschtiege“.... “Gahne grad no schnell i Aldi – sölli das Dingsbums, nei, weisch das  mit de rosarote oder mit de blaue Chügeli...” “Hesch no gnueg Chnobli?“ ....“Herr Sidler – leider müend mier Sie im Sinn vonere verantwortigsvolle Strategie vo ihrem temporäre Job freischtelle... nänei, das hed gaaar nüd mit Unzfriedeheit ztue, aber wüssed sie, de Eurokurs“.....“Los, ech hamer öisi Beziehig nomal dure Chopf la gah, und gseh eifach kei Zuekunft, lass üs das doch i Friede beände.....“ „Hey Mann, was gahd app?“   “Voll krass, Mann!“

Wir sind alle so permanent internett geworden, molekularer Teil eines mobilen Neuronennetzes im globalen Dorf, in dem jegliche zeitliche und räumliche Distanzen aufgehoben sind, in rasendem Stillstand und stehenden Kolonnen, im Hamsterrad der Tele?komm!unikat–ion. Wir sind alle zugleich zu Gleichen und Zug-Leichen geworden, gleichzeitig hier und da, Wort und dort, Sender und Empfänger, das Medium und die Message, die Massage und die Blamage, valabel invalid, und zwar subito, immer und allgegenwärtig. Bald hat es auch noch der Letzte kapiert. Handycapiert.